Sind die Eltern wirklich an allem schuld?

Persönlichkeitsentwicklungsstörungen erregen viel Aufsehen und die Symptomatik der betroffenen Kinder/Jugendlichen bleibt natürlich Verwandten, Bekannten, Nachbarn oder auch den Eltern der Mitschüler nicht verborgen, sondern gibt zu allerhand Vermutungen und Theoriebildungen Anlass. Laienhafte Erklärungsversuche aus dem Umfeld, die oft darauf hinauslaufen, das Kind habe wahrscheinlich von seinen Eltern nicht genügend Zuwendung erhalten oder die Eltern hätten wahrscheinlich "alles falsch gemacht", sind jedoch offensichtlich immer noch fast unvermeidlich, obwohl die Ursachen, wie an anderer Stelle (Kap. 6) geschildert, vielfältig und komplex sind. Es kann den Eltern auch passieren, dass ihnen die Suche nach einer stationären Hilfe als Versuch ausgelegt wird, ihr Kind "loshaben" zu wollen. Das sind natürlich Vereinfachungen oder Fehleinschätzungen, die der Realität meistens nicht gerecht werden. Es geht deshalb auch nicht an, die Eltern pauschal als die "Schuldigen" oder gar "die einzig Therapiebedürftigen" zu betrachten.

Manche Erziehungsfehler sind vermeidbar, andere fast unvermeidlich. Für viele ursächliche Anteile, wie erlittene Schicksalsschläge und andere belastende Lebensereignisse, genetische Dispositionen und neurobiologische Faktoren und auch gesellschaftliche Fehlentwicklungen, können Eltern nicht oder nur bedingt verantwortlich gemacht werden. Zeigen sich bei einem Kind Merkmale einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung, so können Eltern schon früh fast zwangsläufig in große erzieherische Schwierigkeiten geraten, also auch, wenn sie versuchen, alles recht zu machen. Hier handelt es sich um Kinder/Jugendliche, die sich aufgrund ihrer sich oft frühzeitig manifestierenden psychischen Störungen nur sehr schwer erziehen lassen bzw. den Erziehenden diese Arbeit oft unendlich schwer machen. Selbst pädagogisch kompetente Eltern erzielen mit ihren Interventionen oft nicht die gewünschte Wirkung. In den Familien haben sich zudem über Jahre dysfunktionale Interaktions- und Erziehungsmuster und Problemverhaltensweisen verfestigt. Ab einem individuell verschiedenen Zeitpunkt sind dann die fortwährenden Konflikte und Spannungen nicht mehr erträglich. Die Nerven liegen blank und die Kräfte drohen auszugehen. Betroffene Eltern leiden häufig unter schweren Versagens- und Schuldgefühlen, auch weil sie solche entlastenden Ansichten viel zu selten zu hören bekommen. Viele sind deswegen und auch durch die Verunsicherungstaktiken ihrer Kinder enorm angreifbar und manchmal erpressbar geworden.

Trotzdem ist es natürlich richtig, dass die Eltern, das von ihnen gestaltete familiäre Umfeld und ihr Erziehungsstil sehr wichtige Faktoren in der Entwicklung jedes Kindes sind und daher bei der Entstehung von Problemen nicht unberücksichtigt bleiben können. Aber sogar wenn die Eltern eigenes Problemverhalten zeigen oder Unterlassungen selbst zu verantworten haben und man meint, sie deshalb verurteilen zu müssen, sollte man berücksichtigten, dass sie durch die erzieherischen Belastungen, denen sie über Jahre standzuhalten hatten, häufig - um mit dem Volksmund zu sprechen - "genug gestraft" und gedemütigt sind.

Bei den Eltern von Kindern/Jugendlichen mit komplexen Problemkonstellationen müssen Fachleute diese Aspekte unbedingt berücksichtigen. Es ist in Bezug auf die Eltern (auch Pflege- und Adoptiveltern seien hier eingeschlossen) nicht nur zu fragen: "Was mach(t)en die Eltern falsch?", sondern auch: "Warum wirkt(e) die elterliche Erziehung (oder oftmals ja auch die der Einrichtung) nicht so, wie es wünschenswert und erforderlich gewesen wäre?" Dies liefert meist die wertvolleren Erkenntnisse und macht es leichter, Eltern als Kooperationspartner zu gewinnen und zu halten. "Erste Hilfe" für sie heißt dann vor allem: Verständnis zeigen, das Erlebte verständlich erklären, Entlastung schaffen, Stützung geben, Kräfte und Hoffnung wieder aufbauen helfen.

Adam, A. & Peters, M. (2003).
Störungen der Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Ein integrativer Ansatz für die psychotherapeutische und sozialpädagogische Praxis.
Stuttgart: Kohlhammer. S. 217 - 218.

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