Was können wir eigentlich in einer pädagogisch-therapeutischen Einrichtung, was die Eltern daheim nicht können?

  1. 1.
    Wir können uns zunächst relativ frei, unbelastet und unbefangen von den zu Hause oft schon seit Jahren andauernden Spannungen, gegenseitigen Verletzungen, eingeschliffenen Fehlverhaltensweisen und dem Labyrinth von Problemverflechtungen auf das Kind einstellen.
  2. 2.
    Wir versuchen, an einem neuen Ort, unter anderen Rahmenbedingungen und mit anderen Erziehungspersonen einen Neuanfang zu finden. Kinder und Jugendliche lassen sich den eigenen Angehörigen oder den Eltern gegenüber ja meist früher "hängen", fühlen sich früher "unfähig" oder haben oft gelernt, gerade daheim die umfassendste Trickkiste einzusetzen. Anderen Erwachsenen gegenüber rappeln sie sich meist mehr auf, bevor sie aufgeben.
  3. 3.
    Wir sind hier nicht so dicht beieinander wie in der Familie. Spannungen erfüllen oft das gesamte Umfeld bzw. die Lebenswelt (Stigmatisierung) und können fast zwangsläufig jeden d.h. nicht nur die Familienmitglieder erfassen.
  4. 4.
    Wir sind hier immer mehrere Erziehungspersonen und können uns deshalb gegenseitig entlasten und stützen. Dadurch fällt es leichter, eine wertschätzende Grundhaltung zu bewahren aber auch eine in bestimmten Situationen angebrachte Haltung konsequenter Festigkeit durchzustehen.
  5. 5.
    Wir verfügen über eine Reihe besonderer beruflicher Fähigkeiten und Erfahrungen, die wir einsetzen können, und über eine Reihe von spezifischen Arbeitsweisen und anderen Hilfsmitteln. Wissenschaftlich überprüfte und in der Praxis bewährte Methoden können helfen, verfestigte Frustrationserfahrungen abzuschwächen oder durch neue positive Erfahrungen auszugleichen.
  6. 6.
    Wir können planvoll neue Lernsituationen herstellen und pädagogische Projekte durchführen, die Korrektur-, Ausgleichs- und Ergänzungsfunktionen haben.
  7. 7.
    Entwicklungsfördernde Aktivitäten können so gebündelt und konzentriert eingesetzt werden.
  8. 8.
    Wir können ein so genanntes "therapeutisches Milieu" schaffen und nutzen, indem wir uns, manchmal auch nur für einen bestimmten Zeitraum, von einem Teil der Alltagszwänge (Regeln, Pflichten, schulische u. a. Anforderungen) freimachen oder andere Gewichtungen vornehmen.


Alles in allem: Wir sind also keine besseren Eltern, sondern wir nutzen eine Reihe anderer Möglichkeiten, um mit einigem noch einmal neu zu beginnen, bei anderem neue Gewichtungen vorzunehmen oder bisher unentdeckt gebliebene bzw. verschüttete Fähigkeiten aktivieren. Dies tun wir nicht, indem wir die Familie ersetzen, sondern indem wir sie ergänzen mit dem, was sich uns hier an besonderen Möglichkeiten anbietet.