Mehrperspektivisches, interaktionistisches Entwicklungsmodell psychischer Störungen bzw. komplexer erzieherischer Probleme

"Aus der praktischen Arbeit heraus und nach Sichtung einer Vielzahl an Forschungsarbeiten haben wir über Jahre hinweg ein eigenes mehrperspektivisches Entwicklungsmodell psychischer Störung entwickelt, das die vielfältigen Facetten bei der Entwicklung psychischer Störungen bzw. schwerwiegender erzieherischer Probleme zu beschreiben versucht und daraus auch Einflussmöglichkeiten und Bedingungen für den Erfolg pädagogisch-therapeutischer Hilfen ableitet (Abb. 6.1). Nach Resch (1999) kann es zu den sog. interaktionistischen Entwicklungsmodellen gerechnet werden. Hier ist der Mensch einerseits selbst Akteur, d.h. er spielt selbst eine aktive Rolle bei seiner eigenen Entwicklung, z.B. indem er passende Umweltbedingungen aufsucht bzw. diese mitgestaltet. Andererseits erzeugen aber auch die Umweltgegebenheiten Persönlichkeitsentwicklung, z. B. indem sie diese in Form von Entwicklungsanreizen oder Herausforderungen günstig oder ungünstig beeinflussen. Ebenso kann das mehrperspektivische Entwicklungsmodell als bio-psycho-soziales Entwicklungsmodell verstanden werden, weil sowohl biologische, als auch psychologische und soziale Faktoren mitberücksichtigt werden.

Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass Störungskonstellationen - zumal komplexere - nie durch eine Ursache allein entstehen können, sondern dass immer ein Wechselspiel zwischen verschiedenen entwicklungsungünstigen Bedingungen zusammenkommen muss. Ganz grob beschrieben stehen hier u. a. genetisch-biologische Faktoren (wie z.B. genetische Dispositionen in Form von Temperamentsfaktoren), biographische Faktoren (wie z.B. prä-, peri- und postnatale Bedingungen, aber auch die Persönlichkeit der Eltern und deren Erziehungsstile oder lang anhaltende Lebensumstände der Familie) sowie gesellschaftliche Faktoren (z.B. gültige Normen, Rollenerwartungen wie auch Verunsicherungen) und die außerfamiliäre Lebenswelt des Kindes (z.B. aktuelle Lebensereignisse, Schule und Gleichaltrige) in ständiger Interaktion und bestimmen mit, wie sich die Persönlichkeit des Kindes entwickeln kann oder ob ein Kind seine anstehenden Entwicklungsaufgaben bewältigen kann.

Aus der Interaktion der verschiedenen Faktoren entwickelt sich auch das Selbst des Kindes, also u.a. auch das Selbstbild eines jungen Menschen, das z.B. darüber bestimmt, welche Selbstwirksamkeitserwartungen in bestimmten Situationen zum Tragen kommen. Hier verdeutlicht sich noch einmal der Begriff interaktionistisches Entwicklungsmodell (Resch, 1999). Um davon überzeugt zu sein, eine Situation bewältigen zu können, ist es hilfreich, vorher bereits ähnliche Situationen erlebt und gemeistert zu haben. Solche Situationen stellen sich selbst einerseits aus der Notwendigkeit der Alltagsbewältigung heraus, können aber auch aktiv aufgesucht werden.

Auch bei der Bewältigung einer Konfliktsituation, wenn z.B. zwei Jugendliche aneinander geraten, weil der eine dem anderen im Technikunterricht ein Werkzeug weggenommen hat, wird deutlich, mit welcher Komplexität beim Erwerb von situationsentsprechenden Verhaltensstrategien zu rechnen ist. Denn um diese Situation erfolgreich meistern zu können, wirken aus mehrperspektivischer Sicht eine Vielzahl an Faktoren, die hier nur annäherungsweise dargestellt werden können. Stellen wir uns also vor, das Ziel sei, den Konflikt so zu lösen, dass kein Streit entsteht und statt dessen eine konstruktive Lösung gefunden werden kann. Beispielsweise ist es hilfreich, wenn der Betroffene von Natur aus eher ein gelassenes Gemüt mitbringt und sich nur sehr schwer durch eine Situation in Aufregung versetzen lässt. Dies kann einerseits von Natur aus (d.h. biologisch-genetisch) so angelegt sein (z.B. erlebt man öfter Eltern, die von ihren Kindern sagen, sie seien genauso wie Opa oder Oma oder Onkel oder eine Tante), anderseits kann sich der junge Mensch seine Strategie im Laufe der Entwicklung als hilfreiches und erfolgreiches Vorgehen bei Vater, Mutter oder anderen Familienmitgliedern abgeschaut haben. Aber auch Lebensumstände (also biographische Ereignisse) können hier eine Rolle spielen, beispielsweise wenn der Jugendliche in der Vergangenheit schon öfter Situationen erlebt hat, in denen ihm etwas weggenommen wurde (z.B. von einem älteren und wenig einfühlsamen Bruder). Dann reagiert er deswegen - als für ihn bisher erfolgreiche Lebensstrategie - vielleicht schneller empfindlich, da er die Erfahrung gemacht hat, dass diese schnelle und heftige Reaktion seinen Bruder eingeschüchtert hat. Zusätzlich hat er sich vermutlich angewöhnt, eher misstrauisch zu sein, wenn ihm jemand etwas wegnimmt, und geht schon vorsorglich davon aus, dass ihm der andere "etwas Böses" will. Gerät er wieder in ähnliche Situationen wie die mit seinem Bruder, so wird er auch, wenn er bisher mit seiner Strategie erfolgreich war, erwarten, diese Situation so für sich erfolgreich lösen zu können. Gesellschaftlich wird aber eher erwartet, den Konflikt friedlich zu beenden, z.B. indem eine Zeitregelung gefunden wird und jeder für eine gewisse Zeit das Werkzeug benutzen darf. Unter Umständen ist dies für den Jugendlichen jedoch keine befriedigende Lösung, da er sich aufgrund bisher erworbener Denkmuster als Verlierer fühlen würde. Obwohl hier nur einige Faktoren berücksichtigt werden, wird schnell deutlich, wie komplex das Gefüge der verschiedenen Wirkfaktoren ist und wie schwer sich einzelne Ursachenfaktoren bei der Betrachtung von Störungsbildern herauslösen lassen."

Adam, A. & Peters, M. (2003).
Störungen der Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Ein integrativer Ansatz für die psychotherapeutische und sozialpädagogische Praxis.
Stuttgart: Kohlhammer. S. 87 - 91.

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